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Positionspapier

Forschungsförderung in der Phytotherapie

Phytotherapie

Pflanzliche Arzneimittel (Phytopharmaka) sind in Deutschland seit Jahrzehnten weit verbreitet und erfreuen sich großer und weiter zunehmender Beliebtheit in der Bevölkerung.

Unter „Phytotherapie“ versteht man die Heilung, Linderung und Vorbeugung von Krankheiten und Beschwerden durch Arzneipflanzen. Verwendet werden Pflanzenteile wie Blüten, Wurzeln und Blätter oder deren Zubereitungen wie Extrakte, Tinkturen oder Presssäfte.

Phytopharmaka sind Vielstoffgemische. Sie enthalten eine Vielzahl von Inhaltsstoffen, die in ihrer Gesamtheit den Wirkstoff ausmachen. Arzneimittel, die einen einzelnen isolierten Stoff aus Pflanzen enthalten, werden nicht den pflanzlichen Arzneimitteln zugerechnet.

Die Vielzahl der verschiedenen Inhaltsstoffe in pflanzlichen Arzneimitteln führt dazu, dass mehrere unterschiedliche Wirkungen hervorgerufen werden können (Multi-Target-Wirkung). In der Regel sind pflanzliche Arzneimittel sehr gut verträglich und zeichnen sich durch geringe Nebenwirkungen aus.

In Deutschland ist, beginnend mit den Rohstofflieferanten über die Hersteller bis zu den Vertriebsebenen mit Großhandel und Apotheken, eine Vielzahl von Personen unmittelbar an der Wertschöpfungskette beteiligt. Durch die Phytotherapie werden somit viele Arbeitsplätze gesichert.

In medizinischen Fachkreisen ist oft der Kenntnisstand zur Phytotherapie nicht ausreichend, da dieser Fachrichtung in der medizinischen Ausbildung kein hoher Stellenwert zukommt. Begründet wird dies u.a. mit einer unzureichend durch klinische Studien belegten Wirksamkeit, die zu geringer Akzeptanz in den Fachkreisen führt. Tatsächlich gibt es unterschiedliche Evidenzgrade für die auf dem Markt erhältlichen Phytopharmaka. Die Wirksamkeit einiger in Deutschland zugelassener pflanzlicher Arzneimittel wurde durch qualitativ hochwertige klinische Prüfungen am Patienten nachgewiesen. Bei den „traditionellen“ Phytopharmaka wurde gemäß dem Deutschen Arzneimittelgesetz die Wirksamkeit durch die langjährige medizinische Anwendung plausibel belegt. Insgesamt besteht bei der Phytotherapie weiterhin ein grundlegender Forschungsbedarf.

Forschungssituation in Deutschland und der EU und deren Folgen

Die Finanzierung der deutschen Forschung ist genauso vielfältig und differenziert wie die deutsche Forschungslandschaft selbst. Bund und Länder handeln selbständig in der Finanzierung und Organisation von Forschung, aber mit Abstimmung in gemeinsamen Gremien und zum Teil in gemeinsamen Initiativen. Hinzu kommen private Geldgeber und Unternehmen, die Forschung und Entwicklung in hohem Maße finanzieren. Auch die Europäische Union finanziert Forschung umfassend und mit verschiedenen Instrumenten.

Die Forschung zur Phytotherapie wurde in Deutschland und der EU in den letzten Jahrzehnten allerdings kaum öffentlich gefördert. Projektanträge mit phytotherapeutischem Schwerpunkt können im Rahmen der Grundlagenforschung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bzw. im Rahmen von klinischen Anwendungen bei den Förderprogrammen der Bundesregierung (gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, BMBF) gleichberechtigt mit anderen Projektanträgen gestellt werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass sie kaum eine Chance auf Bewilligung haben, da in den Entscheidungsgremien keine Expertise aus dem Bereich der Phytotherapie zur Begutachtung der Anträge besteht.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert seit vielen Jahren, dass in ihren Mitgliedsländern staatlich finanzierte Lehrstühle und akademische Forschungsinstitute eingerichtet werden sollen, die sich mit traditioneller Medizin befassen. Hier wird von der WHO auch die Phytotherapie eingeschlossen. Diese Forderung ist in Deutschland und anderen Europäischen Ländern - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern weltweit – bisher kaum umgesetzt. Positive Ausnahmen bilden Norwegen und die Schweiz. Auch die Zahl der pharmazeutischen Lehrstühle, die sich mit Phytotherapie beschäftigen, hat in Europa in den letzten Jahren sehr stark abgenommen. Wegen der fehlenden akademischen Ausbildungsstätten leiden die Hersteller von Phytopharmaka zunehmend unter einem Mangel an jüngeren qualifizierten Fachkräften für die Forschung. Die prekäre staatliche Forschungsförderung hat insgesamt dazu geführt, dass Deutschland seine internationale Führungsfunktion in der Phytotherapie, die noch bis Anfang der 1990er Jahre bestand, längst an Nationen wie Volksrepublik China, Indien, Iran oder Südkorea abgegeben hat.

Zudem wird die Entwicklung von innovativen pflanzlichen Arzneimitteln gerade in Europa durch stetig ansteigende regulatorische Anforderungen behindert. Infolgedessen haben nur wenige wirklich neue Phytopharmaka in den letzten Jahren die Marktreife erreicht. Da in Deutschland viele der klein- und mittelständischen Hersteller von pflanzlichen Arzneimitteln durch diese Regularien an ihre Grenzen stoßen, suchen sie Alternativen in anderen Bereichen, z.B. bei Nahrungsergänzungsmitteln, in denen ebenfalls Pflanzen und pflanzliche Zubereitungen verwendet werden. Da die regulatorischen Anforderungen hier deutlich geringer sind als im Arzneimittelbereich, können neue Produkte innerhalb kurzer Zeit auf den Markt gebracht werden. Nahrungsergänzungsmittel sind allerdings dem Lebensmittelbereich zuzuordnen und nicht zur Heilung oder Linderung von Krankheiten geeignet.

Forschungsbedarf

Eine intensivere Forschung kann die Akzeptanz und das Wissen zu Phytopharmaka in den Fachkreisen steigern und eine breitere Anwendung ermöglichen. Zugleich kann dadurch die Evidenz für die Wirksamkeit von Phytopharmaka erhöht werden, was deren vermehrte Aufnahme in medizinische Leitlinien unterstützt. Eine höhere Evidenz kann auch als Grundlage für Entscheidungen zur Erstattungsfähigkeit durch die Gesetzlichen Krankenversicherungen und als Ausgangsbasis für gesundheitsökonomische Betrachtungen dienen.

In folgenden Bereichen wird u.a. Forschungs- und Handlungsbedarf gesehen:

  • Aufnahme von Phytopharmaka in medizinischen Leitlinien
  • Anwendung von Phytopharmaka bei Kindern
  • Einsatz von Phytopharmaka zur Reduzierung der Antibiotikaresistenz
  • Forschung zur Versorgung von Patienten mit Phytopharmaka
  • Forschung zu Arzneidrogen einschließlich Analytik, Wirkungsmechanismen, Wirksamkeit, Interaktionen und Nebenwirkungen

Das Bündnis Phytotherapie fordert daher:

  1. Verbesserung der Forschungsbedingungen im Bereich der Phytotherapie durch öffentliche Forschungsförderung
  • Einführung neuer Entwicklungsprogramme und Förderschwerpunkte
  • Einbeziehung von Experten aus dem Bereich der Phytotherapie in den Vergabekommissionen von DFG und BMBF
  1. Einrichtung von staatlich finanzierten Lehrstühlen und akademische Forschungsinstitute mit dem Schwerpunkt Phytotherapie
  2. Stärkere Verankerung der Phytotherapie in der medizinischen und pharmazeutischen Ausbildung
  1. Erhöhung der Forschungsaktivitäten der Universitäten auf dem Gebiet der Phytopharmaka einschließlich Extraktcharakterisierung, Pharmakodynamik und Pharmakokinetik
  1. Förderung klinischer Studien mit hoher Relevanz für die Patientenversorgung


Das Bündnis Phytotherapie

  • Arbeitsgemeinschaft für Naturheilverfahren im Akutkrankenhaus
  • Arbeitskreis für Mikrobiologische Therapie e.V.
  • Ärztegesellschaft für Erfahrungsheilkunde e.V. - Ärztliche Vereinigung für Komplementärmedizin
  • Ärztegesellschaft für Präventionsmedizin und klassische Naturheilverfahren, Kneippärztebund e.V.
  • Bundesverband der Arzneimittelhersteller e.V.
  • Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V.
  • Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft e.V.
  • Deutscher Naturheilbund e.V.
  • Gesellschaft für Arzneipflanzen- und Naturstoff-Forschung e.V.
  • Gesellschaft für Phytotherapie e.V.
  • Hufelandgesellschaft e.V. – Dachverband der Ärztegesellschaften für Naturheilkunde und Komplementärmedizin
  • Kooperation Phytopharmaka GbR
  • Zentralverband der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin e.V.

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